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Emsdetten

Bis vor ein paar Tagen war Emsdetten ein Kaff im Münsterland, das kaum jemand kannte. Selbst Münsteraner wussten allenfalls, dass das „irgendwo zwischen Greven und Rheine“ ist. Das fasst die Bedeutung dieses Städtchens für die Region auch ganz gut zusammen. Jetzt hat sich der Name eingebrannt als der Ort, „wo wieder so ein schrecklicher Amoklauf stattgefunden hat“. Ist nicht ganz fair Emsdetten gegenüber. Schließlich hätte es genauso gut auch jede x-beliebige andere Stadt treffen können.

Das klingt jetzt vielleicht zynisch, aber ich bin immer total amüsiert, wenn so etwas in die Presse kommt und dann alle ganz entsetzt „wie kann so etwas nur passieren“ schreien. Eigentlich wundere ich mich immer, dass so etwas nicht viel häufiger passiert. Haben diese Leute denn wirklich alle vergessen, wie es war, zur Schule zu gehen? Oder sind die alle in einer so anderen Welt zur Schule gegangen als ich?

Und mit Schule meine ich jetzt gar nicht hauptsächlich die Lehrer. Klar, da erwischt jeder im Laufe seiner Schulzeit ein paar Arschlöcher und Nichtskönner und weil man als Jugendlicher da in einer schlechten Position ist, ist man denen unter Umständen blöd ausgeliefert, aber wenn der Lehrer wirklich scheiße ist, ist man mit diesem Problem ja trotzdem nicht allein. Das trifft die anderen in der Klasse ja genauso und selbst wenn man sich nicht richtig effizient zur Wehr setzen kann, gibt das wenigstens so ein Stück positives Zusammengehörigkeitsgefühl.

Vielleicht liegt das auch einfach daran, dass ich immer eine ganz gute Schülerin war. Ich hatte immer mehr Probleme mit meinen Mitschülern. Das fing schon in der dritten Klasse der Grundschule nach einem Schulwechsel an und zog sich bis ungefähr zur zehnten Klasse durch. Und wenn ich Probleme sage, dann meine ich Probleme. Wenn ich heute zurückdenke, dann habe ich das Gefühl über Jahre hinweg einem andauernden psychischen und physischen Terror ausgesetzt gewesen zu sein. Genau genommen ist das wahrscheinlich nicht wahr, das müssen immer kürzere Abschnitte von ein paar Wochen gewesen sein, mit Phasen dazwischen, wo immer „alles in Ordnung“ war, weil in der Zeit jemand anders in Ungnade gefallen war. Aber ich weiß, dass ich regelrecht krank war vor Angst, dass ich chronische Magenschmerzen hatte in der Zeit. Manchmal blättere ich in meinen alten Tagebüchern und lese Dinge, die ich längst verdrängt hatte: Wie ich morgens nichts ahnend in die Schule kam und erstmal der Länge nach hinschlug, weil mich jemand mit den Worten „du alte Petze“ von hinten geschubst hat (ich weiß bis heute nicht, wen ich wo verpetzt haben soll) und die anderen, als ich an der Sporthalle ankam geschlossen weggegangen sind ohne ein Wort mit mir zu reden. Wie unser klasseneigener Neonazi mich am Ende der Religionsstunde, als wir alle schon aufs Klingelzeichen wartend, gegen die Wand gedrückt hat und gesagt hat, er würde mich demnächst mal vergewaltigen, weil ich eine dumme Judensau sei und mein Religionslehrer so getan hat, als habe er nichts bemerkt. Die umstehenden Klassenkameraden sowieso schon mal gar nicht. Ich habe Reli dann abgewählt, war eh ein blödes Fach.

Ich kann jetzt echt noch dutzende solche Situationen aufzählen. Und auch, wenn mir das damals nicht so klar war, weiß ich heute, dass ich nicht die einzige in meiner Klasse war, der das so ging. Manchmal habe ich bei den anderen sogar mitgemobbt (obwohl ich mich schon erinnern kann, ein paar Mal auch die Partei der jeweiligen Opfer ergriffen zu haben).

Worauf ich hinaus will, ist: Das ist doch was, was wir alle als Opfer oder Täter erlebt haben. Und da wundern wir uns, wenn ein achtzehnjähriger durchtickt und zur Waffe greift und sich rächen will? Leute, ich versichere euch, ich habe ziemlich gewalttätige Rachephantasien gehabt, damals. Irgendwann, schon als Erwachsene, habe ich die alle in einen meiner Rollenspielcharaktere einfließen lassen, einen Shadowrun-Charakter. Die Dame heißt Mantiss, und ich schwöre euch, ihr wollt ihr nie begegnen. Ich weiß noch, dass ich nach dem Rollenspielabend, wo sie dann alle umgebracht hatte, stundenlang geheult habe, als mir klar war, wo all diese Wut und dieser Hass her kamen.

Ehrlich, es wundert mich überhaupt nicht, wenn ein Jugendlicher so austickt. Ich wundere mich überhaupt nicht, dass ein paar wenige Menschen explodieren und wild um sich schießen. Ich wundere mich eigentlich mehr über die vielen, die es nicht tun.
22.11.06 17:55
 



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