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Der schleichende Ausstieg

Ein Thema, auf das ich in diesem Blog ja immer wieder zurückkomme, weil es mich eben immer wieder beschäftigt, ist das einer ökologischeren und naturnäheren Lebensweise. Interessanterweise sind das auch die Blogeinträge, zu denen von euch die meisten Kommentare kommen. Wahrscheinlich, weil eben viele Menschen das Gefühl haben, dass in unserer höher schöner größer weiter Konsumwelt etwas ausgesprochen schief läuft und gerne "irgendwie" anders leben wollen.

In meinem Kopf gibt es eben diesen Plan Hexenhaus, abgespeichert unter "wenn ich einmal reich bin", was aber eigentlich nur heißt "wenn ich mal nicht mehr an einen festen Arbeitgeber gebunden bin um meine Miete und mein Essen zu bezahlen". Ich habe mir das immer so vorgestellt, dass ich eben noch ein paar Jahre arbeite, dann passiert irgendetwas ganz großartiges (ich schreibe einen Bestseller, mein Nachbar spielt heimlich für mich Lotto und ich gewinne, ich erbe eine Million von einem mir unbekannten Cousin dritten Grades oder sowas) und ich packe meine Koffer, kaufe ein Cottage in Schottland, Irland oder England und baue mein Gemüse in Zukunft selbst an. Ein Plan, der sich schon alleine deshalb komfortabel und sicher anfühlt, weil ich ihn mangels Bestseller, Erbonkel und Lottogewinn wahrscheinlich nie in die Tat umsetzen muss.

Andererseits merke ich, dass ich im Laufe der letzten Jahre schon ein ganzes Stück aus der "normalen" Gesellschaft ausgestiegen bin, auch wenn ich zur Zeit noch einen ganz normalen Job habe und in einer ganz normalen Mietwohnung in der Stadt wohne. Der erste Schritt war, das Auto abzuschaffen. Die beste Entscheidung meines Lebens, ich habe das nicht einen Tag lang bereut. Egal, wo ich mein Hexenhaus einmal hinbauen will, das ist als oberste Priorität in meine Planung eingegangen: ich will auch da nicht von einem eigenen Auto abhängig sein.

Der zweite wichtige Schritt war die Reduzierung meiner Arbeitszeit auf drei Tage die Woche. Kann ich wirklich nur jedem zu raten. Die meisten Leute wissen das gar nicht, aber jeder Arbeitnehmer hat das grundsätzliche Recht auf eine Teilzeitstelle. Die Firma muss schon echt massive Argumente dagegen aufbringen. Zwei Dinge müssen einem klar sein: man hat entsprechend weniger Geld zur Verfügung und man wird keine große "Karriere" mehr machen. Das hört sich beides für viele Menschen erstmal nach ganz entscheidenden Einschränkungen an, ist sicher auch immer eine Frage der persönlichen Prioritäten, aber für mich gleicht der Zugewinn an Lebensqualität das mehr als aus. Eine Einschätzung, die auch alle meine teilzeitarbeitenden Kollegen, mit denen ich über das Thema gesprochen habe, teilen. Die sind alle der Meinung: nie wieder anders.

Die dritte und relativ neue Änderung in meinem Leben ist, dass ich anders esse und koche. Seit einigen Wochen führt mein Weg mich immer häufiger in den Bio- statt den Supermarkt und der Griff geht zu frischen, naturbelassenem Gemüse statt zu Fertigpizza. Ich habe eine kindliche Freude daran entwickelt, Gemüse zu kaufen, dass ich noch nie vorher zubereitet habe und dann zu Hause irgendetwas Essbares zu erzeugen. Das fühlt sich fast an, als hätte man das Essen selbst erlegt.

Vegetarierin bin ich deswegen noch lange nicht, werde es wohl auch nie werden, aber mein Fleischkonsum ist massiv zurückgegangen und beschränkt sich auf ein bisschen Speck hier und einem Würstchen im Eintopf da. Dafür gehört Tofu inzwischen recht fest auf meinen Speiseplan. Ausgelöst wurde das, auch wenn es vielleicht albern klingt, durch den Film "We feed the world". Ich meine, klar weiß man, dass Massentierhaltung doof ist und das Tomaten in Spanien in Treibhäusern wachsen, aber dieser Film führt einem wirklich nochmal ganz klar vor Augen, was das im einzelnen bedeutet und dass das Hähnchen auf unserem Teller nicht einmal in seinem kurzen Leben die Sonne gesehen hat, sondern maschinell von Plastikbrutkiste in Massenstall in Schlachtmaschine befördert wurde. Und dass die Tomatenpflanze nicht auf echtem Boden gewachsen ist, sondern in einer keimfreien Zellstofftablette und dass dem Gießwasser millilitergenau festgelegt alle notwendigen Nährstoffe und Pestizide beigemischt sind. Daran ist nichts natürliches mehr. Und genau so schmeckt die Tomate dann auch: wie Zellstofftablette mit Kunstdünger. Nun ist im Biomarkt bestimmt auch nicht alles Gold, was glänzt, aber geschmacklich haben die schrumpeligen Äpfel von lokalen Streuobstwiesen ihren quietschgrünen und hochglanzpolierten Verwandten aus dem Supermarkt wirklich einiges voraus. Außerdem bin ich der Meinung, dass wir ruhig das essen können, was hier in unserem Land wächst und nicht unbedingt den weltweiten Verkehrswahnsinn noch verstärken müssen, indem wir Trauben aus Argentinien oder Äpfel aus Neuseeland einfliegen. Und wusstet ihr schon, dass Deutschlands größter Fischereihafen der Frankfurter Flughafen ist?

Also, mein anders Einkaufen wird die Welt nicht retten, aber zumindest trage ich auf diese Weise weniger zum Weltuntergang bei und da beruhigt mein Gewissen. In den nächsten Tagen werde ich auch wieder meinen Balkonkasten und ein paar Blumenkübel mit Salat, Tomaten und Kräutern bepflanzen, vielleicht gelingt es mir ja dieses Jahr, zumindest ein paar Mahlzeiten aus eigenem Anbau zu bestreiten.

Wie sehr mich diese Änderungen in meinem Leben von der "normalen" Gesellschaft wegführen, merke ich, wenn ich aus Versehen mal den Fernseher einschalte oder mit eine Illustrierte in die Hände fällt. Ich kenne die Leute, von denen da die Rede ist, überhaupt nicht mehr, egal, ob es sich um Politiker, Schauspieler oder Sportler handelt. Ich weiß nicht, ob die Röcke der Saison knie- oder knöchellang sein müssen, wer unser Außenminister ist (echt nicht) und ich brauche weder Tipps für die Verbesserung meiner Bikini-Figur in sechs Wochen (ich habe gar keinen Bikini) noch will ich wissen "Was Männer wirklich wollen" (sorry, Jungs, euer Problem). Hat auf den ersten Blick alles wenig mit Autofreiheit, Teilzeitarbeit und Biomarkt zu tun, aber gehört in meinem Kopf schon irgendwie alles zusammen. Zum "Aussteigen" muss man eben nicht eine Hütte oder einen Palast irgendwo in der weiten Welt kaufen. Aussteigen tut man im Kopf, indem man das Spiel einfach nicht mehr mitspielt. Kluge Hamster wissen: um aus dem blöden Rad auszusteigen, braucht man nur einen Schritt nach links zu machen.
18.4.07 14:17
 



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